Stimme macht Stimmung
Die Stimme als Symptom? Ganz genau, denn unsere Stimme spiegelt unsere Gefühle wider. Wir können also den Gemütszustand unseres Gesprächspartners anhand des Stimmklangs erkennen! Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig für die gesamte Stimmarbeit, weil das beste Coaching oder Training ohne die Berücksichtigung dieses Umstands keine Wirkung zeigen kann.

Die meisten meiner Stimm-Kunden kommen zu mir, weil Sie sich eine kräftigere Stimme wünschen (bei ihren Zuhörern also stimmlich nicht „ankommen“), weil sie viel sprechen müssen und häufig heiser sind oder Halsschmerzen haben, nachdem sie einen Vortrag halten mussten, oder weil man ihnen gesagt hat, sie müssten mal etwas „an ihrer Stimme tun“.
Medizinisch gesehen sind die Stimmen dieser Sprecher völlig in Ordnung und Tabletten für einen volleren Stimmklang oder eine tiefere Stimme wurden leider noch nicht erfunden (letzteres, also die tiefe Stimme, wird übrigens fast ausschließlich von Männern gewünscht – wenn die Frauen nur um die Wirkung einer tiefen Stimme wüssten… vielleicht sollte ich dazu demnächst auch mal etwas schreiben).


Also Gefühle und Stimme stehen irgendwie in Beziehung zueinander, um wieder auf das ursprüngliche Thema zu kommen… Bauen wir das einmal zusammen auf: Gefühle haben wir alle – immer und überall, behaupte ich mal ganz pauschal. Diese entstehen in unserem Gehirn und manifestieren sich in körperlichen Reaktionen – wenn ich traurig bin, weine ich, wenn ich fröhlich bin, lächele ich. Darüber hinaus fördern Gefühle allerdings auch subtilere körperliche Reaktionen. Manch einer hat in Stresssituationen keinen Hunger, kann nichts essen oder verspürt sogar Übelkeit. Wie ist sieht es mit „Wut“ aus? Dazu ein kleines Beispiel:

Ein Mann steht an einem Samstagnachmittag an der völlig überfüllten Supermarktkasse und hat es eilig. Seine Freunde sind schon im Anmarsch und er hat das Bier vergessen. Plötzlich drängelt sich ein anderer Kunde an ihm vorbei und stellt sich einfach vor ihn - denjenigen von euch, der das gelassen sieht, will ich sehen ;-). Der Mann wird also wütend. Unser Gehirn hat für eine solche Stresssituation zwei Handlungsalternativen vorgesehen:Kampf oder Flucht Kampf oder Flucht (ich gebe zu, dass Flucht im eigentlichen Sinne hier unwahrscheinlich ist, spielt aber gerade keine Rolle). Das Gehirn des Mannes denkt also „aggressiv“ und er muss sich entscheiden, die Unverschämtheit entweder zähneknirschend hinzunehmen (im wahrsten Sinne des Wortes) oder etwas wie „Hallo? Hier wird sich nicht vorgedrängelt! Stell dich gefälligst hinten an!“ zu äußern. Was passiert zeitgleich in seinem Körper? Stresshormone werden freigesetzt und diese wirken auf den ganzen Organismus, beispielsweise indem die großen Oberschenkelmuskeln stärker durchblutet werden (Kampf oder Flucht…). Entscheidet er sich für Kampf, wird er sich aufrichten, um bedrohlicher zu wirken – ja, das klingt alles sehr archaisch und das ist es auch, denn unser Großhirn, gemacht für Affektkontrolle, Ratio, etc., ist der jüngste Teil des Gehirns und momentan befindet sich unser Proband unter der Kontrolle des Reptiliengehirns… Er plustert sich also auf, hebt das Kinn und stellt sich seinem Gegner. Welchen Stimmklang würden wir an dieser Stelle von ihm erwarten? Genau, einen tiefen, satten und grollenden – Bruce Willis-mäßig eben und zwar aus tiefster Überzeugung heraus.


Das Beispiel war zugegebenermaßen etwas überzeichnet, sollte aber genau die Überzeugung veranschaulichen, die notwendig ist, um die verbale „Drohung“ glaubhaft rüberzubringen. Wäre der Mann nicht so selbstbewusst aufgetreten, wie hätte seine Stimme dann geklungen? Möglicherweise eher brüchig und definitiv nicht so voll und drohend.

Unser Stimmklang richtet sich also nach unseren Gefühlen. Jetzt stellt euch mal eine sehr zurückhaltende und schüchterne Person vor. Am leichtesten zu beobachten sind die Phänomene übrigens bei Kindern…
Nehmen wir uns also einen kleinen Jungen von 6 Jahren, der während des laufenden ersten Schuljahres die Schule wechseln musste und nun gemeinsam mit der ihm unbekannten Direktorin schüchtern die neue Klasse betritt. Alle Kinder starren ihn an, immerhin die neue Lehrerin lächelt aufmunternd und bittet ihn nach vorne. Sekunden später steht er also vorne vor der ganzen Klasse und soll sich nun vor den 30 unbekannten Augenpaaren kurz vorstellen.
Wie so etwas klingt, können wir uns alle lebhaft vorstellen. Wenn ihr euch im Kontrast dazu einen kleinen dreijährigen Wutknubbel vorstellt, der im Supermarkt einen Brüllanfall bekommt, weil er seine Lieblingsschokolade nicht bekommt, wird der Zusammenhang zwischen Gefühlen und Stimme ebenfalls recht deutlich ;-)

Es ist also gerade im Stimmtraining immens wichtig, das Gemüt/ das Wesen und auch den tagesaktuellen (oder moment-aktuellen) emotionalen Zustand der Menschen zu erkennen und diesen beim weiteren Vorgehen zu berücksichtigen. Stimme ist akustische Präsenz! Diese hängt jedoch von der physischen Präsenz ab, aufgrund des Zusammenhangs zwischen Haltung, Atmung und Stimme, den ich bereits im Artikel zur „Balance der Stimme“ beschrieben habe. Heute kommen zu der Gleichung auch noch unsere Gefühle dazu und verdeutlichen damit die enorme Komplexität des Themas „Stimme“. Und so, wie unsere Körpersprache nicht lügen kann, kann es auch unsere Stimme nicht (zumindest nicht über einen längeren Zeitraum).

Nun treffe ich häufig auf Ansätze, die ich in älteren Artikeln als „Dressur“ bezeichnet habe, bei denen Menschen bestimmte Verhaltensweisen antrainiert werden. Ich denke, dass ich meine Meinung dazu bereits ziemlich deutlich gemacht habe… Wir können unsere Gefühle nur bedingt unterdrücken, irgendwann kommen sie zum Vorschein und für diesen Moment geben einem „Dressuren“ kein Rüstzeug. Alle Menschen haben Gefühle und das ist auch gut so, ansonsten könnten wir Roboter oder Diktiergeräte an das Rednerpult stellen und den Stoff runter rattern lassen. Wir wollen aber mit dem Referenten „mitschwingen“, von ihm mitgerissen werden (vgl. „Sympathiefaktor Stimme“) und das geht nur über Gefühle. Die Kunst ist es also nicht, Gefühle zu verstecken, sondern sie bewusst wahrzunehmen, zuzulassen und mit ihnen zu arbeiten! Das dazu nötige Verständnis der Zusammenhänge zwischen Stimme, Körpersprache und Gefühlen erarbeite ich in meinen Seminaren und Coachings. Erst diese Zusammenhänge erlauben es jedem, authentisch zu bleiben und trotzdem die gewünschte stimmliche und körpersprachliche Wirkung bei den Zuhörern zu erzielen.Stimmung macht Stimme

Hausaufgabe für euch: Beobachtet doch mal eure körperlichen Reaktionen auf bestimmte Gefühle. Wie haltet ihr euch, was passiert mit der Atmung und wie klingt eure Stimme dann?

Viel Spaß bei der Selbsterkundung, es wird spannend – versprochen ;-)